Der Unken Verlag – Neugründung auf dem Höhepunkt der Corona-Pandemie

Das Interview führte Dieter Durchdewald, Inhaber und geschäftsführender Gesellschafter der Unternehmensberatung BerlinHorizonte GmbH, der die Verlegerin Prof. Dr. Marie Luise Sautter-Bihl fragte, warum sie auf dem Höhepunkt der Corona-Pandemie den Unken Verlag gegründet hat, welche Schwerpunkte der Verlag für die Zukunft plant und vor welche Herausforderungen sie die Doppelrolle als Verlagsgründerin und Autorin stellt. Außerdem soll kurz die Erstpublikation vorgestellt werden: „Ypsilons Rache“, die im Frühjahr diesen Jahres auf Deutsch und auf Englisch erschienen ist.

BerlinHorizonte: Die Entscheidung, einen eigenen Verlag zu gründen, stellt zu jeder Zeit eine Herausforderung dar. Was hat Sie ausgerechnet auf dem Höhepunkt der Corona-Pandemie dazu veranlasst, diesen Schritt zu wagen?

Verlegerin: Ich hatte den Eindruck, dass sich eine aggressivängstliche Verdrossenheit rasanter ausbreitete als das Virus. Eigene oder allgemein-gesellschaftliche Missstimmung ist wie eine Krankheit –und lässt sich am effektivsten „therapieren“, indem man sich Ziele setzt, die eine positive Perspektive eröffnen. Herausforderungen wirken wie ein Lebenselixier.

BerlinHorizonte: Welches Signal wollen Sie mit Ihrer Verlagsgründung setzen?

Verlegerin: Auch in Krisenzeiten kann man etwas tun, das Probleme zwar nicht löst, aber besser erträglich macht. BerlinHorizonte: Was hat es mit dem Verlagsnamen bzw. der Unke als Verlagslogo auf sich? Verlegerin: Das war eine Idee meines Bruders, Claus Sautter, der mich als Künstler auch maßgeblich in der Verlagsarbeit unterstützt. Ich war von seinem Vorschlag sofort begeistert. Tatsächlich neige ich dazu, skeptische Szenarien zu entwerfen, also zu unken. Wichtig war mir dabei, dass die Unke zwinkert.

BerlinHorizonte: Welchen inhaltlichen Themenbereichen will sich der Verlag in den nächsten Jahren widmen?

Verlegerin: Erstens: Geschichten aus dem Gesundheitsbereich  spielen eine wesentliche Rolle im Unken-Universum. Im ärztlichen Berufsleben erlebte ich eine zunehmende Kommerzialisierung des Gesundheitswesens bei gleichzeitig abnehmender „Zuwendungszeit“ für den Kranken. Diese Verschiebung hat im Alltag gravierende Auswirkungen auf den gemeinsamen Kampf von Ärzten und Patienten gegen bedrohliche Erkrankungen – die Medizin wird liebloser. Mein Anliegen ist, solche Entwicklungen zu beleuchten – ohne zu belehren. Zweitens: Dystopien  bzw. Geschichten, die in naher Zukunft spielen, sind ein ureigenes Unkenthema. Einen Teil ihrer Weltsicht hat sich die Unke von Epidemiologen abgeschaut, die Szenarien für die Zukunft aus den Beobachtungen in der Gegenwart „modellieren“. Die Prognose mag ungünstig sein, aber ein positiver Ausgang ist nie unmöglich, solange es Menschen gibt, die mit empathischer Tatkraft neue Wege suchen. Drittens: Sozial relevante Nischenthemen:  Das Unkenauge ist farbempfindlich und sucht das Bunte – vor allem in der Diversität und in den Nischen nicht-alltäglicher Lebensformen, die im Bewusstsein (noch) zu wenig präsent sind. Zu finden waren diese beispielsweise im Themenkreis Transidentität/ Transsexualität. Last not least: Kunst und Geschichten: Jedes Kunstwerk erzählt eine Geschichte, und diese ohne Worte zu transportieren, ist ein Wesensmerkmal der Kunst. Vielleicht findet man deshalb so selten Literatur und Bilder in einem Buch. Das Wort und die Kunst in einem Bildband zusammenzubringen, finde ich eine spannende Herausforderung. Insgesamt ist die Unke kunstaffin und wünscht sich, ein Forum zu bieten für handverlesene Künstler, die Lust haben, bei einem neuen Verlag das Segment Kunst mit Leben zu erfüllen.

BerlinHorizonte: Welche Zielgruppen will der Verlag mit seinem Programm ansprechen?

Verlegerin: Menschen, die aufgeschlossen sind und sich für gesellschaftliche und medizinische Themen interessieren, die in spannende Geschichten über verschlungene Lebenswege verpackt sind. Außerdem wünsche ich mir Leser mit der Bereitschaft, auch ernste Probleme mit einer Prise Humor oder Ironie zu betrachten.

BerlinHorizonte: Wie haben Sie die Gründungsphase Ihres Verlages erlebt – mitten in der Corona-Pandemie?

Verlegerin: Als Ex-Adrenalin-Junkie bekam ich endlich einmal wieder richtig Stoff! Zwar war es gewöhnungsbedürftig, plötzlich als Verlegerin und Autorin wieder blutige Anfängerin zu sein, andererseits habe ich es als Luxus empfunden, noch einmal etwas ganz Neues zu beginnen – in einem Alter, in dem Erlebnispremieren seltener werden. COVID-19 hat natürlich vieles kompliziert. Ich hatte aber das Glück, in einer Zeit, in der man pandemiebedingt niemanden persönlich treffen konnte, Menschen zu finden, die mir ihre Professionalität zur Verfügung gestellt oder mich professionell an die Hand genommen haben. Erstmals in meinem beruflichen Leben habe ich erlebt, dass sich Vertrauensverhältnisse mit Menschen entwickelten, die ich noch nie von Angesicht gesehen habe – eine Erfahrung, die ich nicht missen möchte. Umso mehr freue ich mich nun aber auf die kommenden Buchmessen und hoffe, endlich Menschen aus der Buchbranche, vor allem Buchhändler:innen und andere unabhängige Verleger:innen kennenzulernen und auch mit Lesern in persönlichen Kontakt zu kommen. Auch die Unke lugt schon voller Neugierde aus ihrem Pfuhl heraus und blinzelt vorfreudig.

BerlinHorizonte: Was brachte Sie als Medizinerin zum Schreiben von Romanen und Kurzgeschichten?

Verlegerin: Ich wollte schreiben, seit ich denken kann, aber Ärztin zu sein, wurde dann doch mein Traumberuf. Auch die Medizin bot mir Gelegenheit zur Autorenschaft z.B. wissenschaftlicher Artikel oder Buchbeiträge. Schon früh hatte ich entschieden, mich nach dem Berufsleben ganz dem belletristischen Schreiben zu widmen.

BerlinHorizonte: Hätte es aufgrund Ihrer Vorgeschichte nicht näher gelegen, Sachbücher zu schreiben?

Verlegerin: Sachbücher werden oft von Menschen gelesen, die sich primär mit einem bestimmten Problem beschäftigen und Informationen darüber suchen. Hingegen kann man in einem Roman auch diejenigen ansprechen, die einem Thema einfach nur mit unvoreingenommenem Interesse begegnen und sich gerne überraschen lassen.

BerlinHorizonte: Vor welche Herausforderungen stellt Sie die Doppelrolle als Verlegerin und Autorin?

Verlegerin: Die Tage sind zu kurz! Es ähnelt dem Spagat, in dem sich manche beruflich ambitionierten Mütter befinden. Das Baby, der Verlag, verlangt nach Zuwendung, aber auch der Prozess des Schreibens erfordert Zeit und Konzentration – und die Autorin wird unleidlich, wenn das zu kurz kommt – so geraten Lou Bihl und Marie-Luise Sautter-Bihl gelegentlich in Interessenkonflikte.

BerlinHorizonte: Wie haben die beruflichen Erfahrungen, als langjährige Leiterin einer radioonkologischen Klinik Ihren Erstlingsroman „Ypsilons Rache“ beeinflusst? Weshalb dieser Titel und was ist die Kernbotschaft Ihres Romans?

Verlegerin: In meinem Berufsleben habe ich viele Menschen beobachtet, die plötzlich mit der Endlichkeit ihres Lebens konfrontiert wurden. Vielen stellt sich dann die Frage, was im Leben wirklich wichtig ist, so auch dem Protagonisten in Ypsilons Rache. Heimlich transident, will Kris sich mit Mitte Fünfzig endlich zu einem Coming Out durchringen, doch die Diagnose Prostatakarzinom wirbelt sämtliche Pläne durcheinander. Er gerät vollends durcheinander, als er sich obsessiv in eine trans Frau verliebt. Die Kernbotschaft ist ein Satz der besten Freundin des Protagonisten: Egal, wie weit du gehen willst, wichtig ist, dass du deine eigene Essenz findest. Sobald du damit im Reinen bist, spielt die Größe der geschlechts-chromosomalen Ausstülpungen nicht mehr die entscheidende Rolle.

BerlinHorizonte: Der Roman wurde sehr positiv aufgenommen und besprochen. Der Bayerische Rundfunk zum Beispiel lobte: „Dieser Roman macht etwas sichtbar. Und von solchen Romanen brauchen wir noch viel mehr!“ Was hat Sie an den Rückmeldungen besonders gefreut?

Verlegerin: Die Aussage von Menschen, die sich primär gar nicht für Transidentität interessierten, das Buch habe ihnen eine neue Sichtweise auf dies Thema eröffnet und ihr Interesse daran geweckt.

BerlinHorizonte: Bei „Ypsilons Rache“, sticht vor allem der Schutzumschlag hervor – sowohl bei der deutschen als auch der englischen Ausgabe. Zwei Eye-Catcher, die ihre volle Wirkung erst komplett ausgebreitet entfalten. Was gefällt Ihnen selbst daran?

Verlegerin: Ich war von beiden Entwürfen begeistert, gerade weil das Motiv des Sich-Entfaltens so gut zu diesem Entwicklungsroman passt. Auch die wesentlichen Inhalte des Romans sind wunderbar komprimiert: Eine schöne, aber unwirkliche Frau als Projektion für die Suche nach einem Weg, der ungerade verläuft und im Ungewissen endet.

BerlinHorizonte: Für die Gestaltung der Verlagsgrafik und der Schutzumschläge beider Ausgaben von „Ypsilons Rache“ konnten Sie den renommierten New Yorker Künstler Daniel Horowitz gewinnen. Wie kam es zu der Zusammenarbeit und soll diese auch in Zukunft fortgesetzt werden?

Verlegerin: Unbedingt! Daniel Horowitz ist ein Freund meines Bruders; ihn zu gewinnen, war für mich und den Verlag ein Lottogewinn. Er ist auch der Vater des Unkenlogo. Seine besondere Begabung ist es, Texte oder Anliegen, die man ihm als mögliche Bildmotive kommuniziert, zu ihrer Essenz zu destillieren. Was mich fasziniert, ist seine Herangehensweise, die einerseits künstlerisch intuitiv ist, andererseits aber fast wissenschaftlich analytisch. Er kreist das Thema so lange ein, bis es „klick“ macht. Daniel Horowitz wird auch künftig die Covergestaltung für den Verlag übernehmen, außerdem wollen wir den nächsten Roman (Arbeitstitel Rio ist überall) und die Kurzen Geschichten aus dem Gesundheits-Wesen mit Illustrationen versehen. Und wer weiß, vielleicht entsteht irgendwann auch ein Bildband mit seinen Kunstwerken im Unken-Verlag.

Berlin Horizonte: Frau Sautter-Bihl, herzlichen Dank für das Gespräch und weiterhin viel Erfolg für den Unken Verlag, der mit „Ypsilons Rache“ einen vielversprechenden Start hatte. Wir freuen uns auf die nächsten Publikationen. Möge die Unke das Zwinkern nicht verlernen.